Wer über den Baltic-Platz in Kühlungsborn West spaziert, entdeckt eine Szene, die viele Menschen unwillkürlich innehalten lässt. Eine junge Frau in altertümlicher Kleidung steht mit leicht erhobener Hand und blickt gedankenverloren hinaus auf die Ostsee. Die Hand schützt ihre Augen vor Sonne und Wind, während ihr Blick in die Ferne schweift. Neben ihr steht ein kleines Kind mit einem Teddybären im Arm. Es schaut zu der Frau auf und zieht vorsichtig an ihrem Daumen, als wolle es ihre Aufmerksamkeit gewinnen.
Die Bronzeplastik des Bildhauers Frijo Müller-Belecke wurde im Jahr 2000 auf dem Baltic-Platz aufgestellt. Obwohl die Skulptur keine eindeutige Geschichte erzählt, weckt sie sofort Assoziationen. Wartet die Frau auf einen Fischer, einen Seemann oder einen Angehörigen? Schaut sie einem Schiff nach oder hofft sie auf dessen Rückkehr? Das Kind an ihrer Seite verstärkt den Eindruck von Familie, Verbundenheit und Erwartung.
Gerade diese Offenheit macht die besondere Wirkung des Kunstwerks aus. Jeder Betrachter kann eigene Gedanken und Erinnerungen in die Szene hineinlegen. Manche sehen darin eine Hommage an die Küstenbewohner früherer Zeiten, deren Alltag eng mit der Seefahrt verbunden war. Andere erkennen eine zeitlose Darstellung von Sehnsucht, Hoffnung und menschlicher Nähe.
Die lebensnah gestalteten Figuren wirken trotz ihres festen Materials erstaunlich lebendig. Die Kleidung erinnert an vergangene Jahrzehnte und schlägt eine Brücke zur Geschichte der Ostseeküste. Gleichzeitig bleiben die dargestellten Gefühle universell und bis heute nachvollziehbar.
Der Standort direkt an der Ostsee verleiht der Skulptur zusätzliche Tiefe. Das Meer wird Teil des Kunstwerks. Wind, Wellen und Horizont bilden die natürliche Kulisse für die wartende Frau. So entsteht eine stille Verbindung zwischen Kunst, Landschaft und den Geschichten der Menschen, die über Generationen hinweg an der Küste gelebt haben.
Die Skulptur lädt dazu ein, einen Moment innezuhalten und sich zu fragen: Auf wen oder was würde ich selbst warten?
Frijo Müller-Belecke (1932–2008)
Der in Delitzsch geborene Bildhauer erhielt seine erste Ausbildung in Wittenberg und studierte später an der Akademie der Bildenden Künste München. Nach vielen Jahren als Kunsterzieher widmete er sich ab 1986 vollständig der Bildhauerei. Seine Werke finden sich an zahlreichen öffentlichen Orten in Deutschland. Charakteristisch sind seine einfühlsamen und gegenständlichen Darstellungen von Menschen und Alltagsszenen.
2000
Bronze
Figurengruppe, Bronzeskulptur, Kunst im öffentlichen Raum