Wer den Konzertgarten Ost betritt, entdeckt im Eingangsbereich einen kleinen Brunnen mit einer ungewöhnlichen Figur. Aufmerksam und zugleich verträumt sitzt dort „Die Lauschende“. Die junge Frau scheint ganz in Gedanken versunken zu sein. Ihr Kopf ist leicht geneigt, als würde sie auf etwas hören, das anderen verborgen bleibt.
Die heutige Skulptur entstand 1991 und geht auf ein älteres Kunstwerk zurück. Bereits bei der Neugestaltung des Konzertgartens in den 1950er Jahren befand sich an dieser Stelle eine Mädchenplastik des Kunstkeramikers Prof. Irmfried Liebscher. Als diese nicht erhalten blieb, schuf der Rostocker Künstler Günter Brock eine neue Figur, die sich an dem ursprünglichen Vorbild orientierte.
Der Name „Die Lauschende“ passt perfekt zu ihrem Standort. Direkt vor ihr erstreckt sich die Ostsee, hinter ihr liegt der Konzertgarten mit seinen musikalischen Veranstaltungen. So scheint die Figur gleich mehreren Stimmen zugleich zuzuhören: dem Wind, den Wellen, der Musik und den Menschen. Genau darin liegt ihre besondere Ausstrahlung. Sie wirkt ruhig und konzentriert und lädt auch den Betrachter dazu ein, für einen Moment langsamer zu werden.
Die Gestaltung verzichtet auf dramatische Gesten. Stattdessen entsteht die Wirkung durch die Haltung der Figur. Das Zuhören wird hier zum eigentlichen Thema des Kunstwerks. Vielleicht wollte der Künstler zeigen, dass Aufmerksamkeit und Wahrnehmung wichtige Voraussetzungen sind, um die Welt wirklich zu verstehen. Diese Deutung bleibt offen und macht den besonderen Reiz der Skulptur aus.
Der Brunnen verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Das leise Plätschern des Wassers wird Teil des Kunstwerks und schafft eine Verbindung zwischen Figur und Umgebung. Dadurch entsteht ein Ort der Ruhe mitten im lebendigen Ostseebad.
„Die Lauschende“ gehört heute zu den eher stillen Kunstwerken Kühlungsborns. Gerade deshalb bleibt sie vielen Besuchern in Erinnerung. Während andere Skulpturen Bewegung oder Kraft darstellen, erinnert sie an die Kunst des Zuhörens – eine Fähigkeit, die oft unterschätzt wird.
Günter Brock (1934–2020)
Der in Guben geborene Künstler war Bildhauer, Journalist, Dolmetscher, Schriftsteller und Fernsehkorrespondent. Bundesweite Bekanntheit erlangte er durch seine Teilnahme an der legendären Pressekonferenz von Günter Schabowski am 9. November 1989, die unmittelbar mit dem Fall der Berliner Mauer verbunden wird. Neben seiner journalistischen Tätigkeit schuf er verschiedene künstlerische Arbeiten im öffentlichen Raum.
Prof. Irmfried Liebscher (1901–1973)
Der in Böhmen geborene Keramiker und Bildhauer prägte die Kunst- und Keramikszene Mecklenburgs über Jahrzehnte. Er leitete eine Keramikwerkstatt in Kröpelin, war Dozent an der Fachschule für angewandte Kunst und veröffentlichte mit „Technologie der Keramik“ ein international beachtetes Fachbuch.
1950er Jahre (ursprüngliche Mädchenplastik)
1991 (heutige Figur „Die Lauschende“)
Skulptur, Brunnenanlage
Brunnenplastik, Figurenskulptur, Kunst im öffentlichen Raum